Klassisches Spielzeug in KiTa und Familie

Trampelpfade im Gehirn

Je mehr Erfahrungen ein kleines Kind macht, desto mehr und deutlichere Spuren bilden sich in dessen Gehirn. Diese Lern-Spuren sind es, die uns langfristig zu dem Individuum machen, das wir sind, mit unserer Sprache, unseren Gewohnheiten, Fähigkeiten, Vorlieben, Einstellungen und Kenntnissen: Wenn die Sonne scheint, wird es warm, Honig ist süß und Brennesseln tun weh. All dies muss ein Kind lernen, und dies tut es durch Auseinandersetzung mit der Welt, die jedes kleine Kind nicht nur passiv erlebt, sondern aktiv sucht.

Kinder brauchen die Gelegenheit, Erfahrungen selbst zu machen, sich als erfolgreich zu erleben, Dinge auseinanderzunehmen und zusammenzusetzen, sich auszutoben. Das erfolgt im Spiel mit Gleichaltrigen, in der Familie und manchmal auch ganz konzentriert nur für sich zurückgezogen und konzentriert allein.

Schon im frühen Kindesalter werden im Spiel grundlegende Fähigkeiten gefördert. Kinder stärken ihr Selbstvertrauen und lernen mit ihren Emotionen umzugehen. Sie erkennen Sinnzusammenhänge, lösen erste Probleme und setzen sich über einen längeren Zeitraum aufmerksam mit einer Sache auseinander. Im Spiel lernen Kinder sowohl sich an Regeln zu halten als auch sie gemeinsam mit den Mitspielern zu verändern. Sie üben, sich zu konzentrieren und mit aller Kraft auf ein Ziel hinzuarbeiten. Sie lernen zu gewinnen und zu verlieren, Freude zu erleben, ohne den anderen auszugrenzen, und Ärger oder Misserfolg auszuhalten, ohne aggressiv zu werden. Im Spiel mit ihren Freunden und in der Familie erleben sie sich als Teil einer sozialen Gemeinschaft und lernen, sich nach Spiel- bzw. sozialen Regeln zu verhalten. Sie entwickeln Verantwortung und Solidarität, Rücksichtnahme und Fairness. Und ganz nebenbei schulen Kinder ihre Sinne, trainieren Muskeln, Bewegungsabläufe und Geschicklichkeit.

 

Eltern spielen mit Kindern

Kinder lernen am Vorbild. Das gilt auch für das Spielen. "Das Leben der Eltern ist das Buch, in dem die Kinder lesen", sagte schon der Kirchenvater und Philosoph Augustinus vor mehr als tausend Jahren. Wenn ein Kind erlebt, wie schön das gemeinsame Spielen mit Mutter und Vater ist, wird es die Erfahrung abspeichern: "Spielen macht Spaß. Dabei fühle ich mich beschützt und wohl." Wenn es erlebt, wie sich auch die Eltern an Spielregeln halten, wie sie mit Ärger und Erfolg umgehen, wie sie sich für den Sieg einsetzen, aber auch gemeinsam mit ihrem Kind an einer schwierigen Aufgabe (wie dem Zusammensetzen einer Eisenbahnlandschaft) arbeiten, erlebt es ein gemeinsames Handeln in sinn- und lustvollem Kontext.
Beim gemeinsamen Spielen beschäftigen sich Kinder und Eltern mit denselben Sachen, sprechen und lachen miteinander und fühlen sich miteinander wohl. Eltern können im gemeinsamen Spiel Stärken und Talente ihres Kindes erkennen. Sie erleben seine Persönlichkeit in unterschiedlichen Situationen und können es noch besser in seiner Entwicklung begleiten. Durch die bewusst gemeinsam verbrachte Zeit wird die Bindung zwischen Eltern und Kind gestärkt.

Erziehungspartnerschaften zwischen Elternhaus und Kindergarten

Fachkräfte in Kindertagesstätten sind Expertinnen und Experten für das Spiel. Die Auswahl an Spielen in Kindergärten und Krippen ist in der Regel pädagogisch gut begründet. Eltern können darauf vertrauen, dass die Spielsachen, die ihr Kind in der Tageseinrichtung kennen lernt, auch fürs Zuhause die richtigen sind. Die "KiTa-Spielothek" unterstützt dies. Sie stellt Kindergärten und Krippen eine sinnvolle und geprüfte Auswahl an Spielen zur Verfügung. Ihr gerade aktuelles Lieblingsspiel dürfen die Kinder für einige Tage aus der Einrichtung mit nach Hause nehmen und es mit den Eltern spielen. Das hin und her getragene Spielzeug trägt zur Verzahnung der Lebenswelten von Kindern bei. Es bietet einen guten Anlass für Gespräche zwischen Eltern und ErzieherInnen über die Entwicklung des Kindes.

 

"Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kinder zu erziehen", sagt ein afrikanisches Sprichwort. Kinder, die mit ihren Lieblings-Spielsachen vom (Eltern)Haus zum (Kinder)Garten und zurück gehen, schaffen neue Verbindungen zwischen Familie und Bildungseinrichtung.

 

Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer
ZNL TransferZentrum für Neurowissenschaften und Lernen